Deutsch-italienisches Drama für die Ewigkeit


Italien – Deutschland n.V 4:3 (1:1, 1:1, 3:2), Aztekenstadion Mexiko City, WM 1970 Halbfinale, 17. Juni 1970, relive ARD-Sportschau

Heute spricht die Welt von einem Jahrhundertspiel, eine Gedenktafel am Aztekenstadion erinnert an die Begegnung. Mit 4:3 nach Verlängerung besiegte Italien die damalige Bundesrepublik Deutschland im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Es war ein Drama, das ein Thriller-Regisseur nicht besser hätte inszenieren können. 

1970 war ich sieben Jahre alt, an manche Dinge kann ich mich noch erinnern. Beim 3:2 im Viertelfinale zwischen Deutschland und England schickten mich meine Eltern beim Stand von 0:2 ins Bett, weil das Spiel entscheiden sei und ich ja am nächsten Tag in die Schule müsse. Das 3:4 gegen Italien habe ich gar nicht live gesehen, das Ergebnis am nächsten Tag aus der Tageszeitung erfahren.
Welches Drama sich an diesem Abend auf dem Rasen des Aztekenstadions abgespielt hatte, das war mir damals nicht bewusst. Heute weiß ich es, nachdem ich zweimal die 120 Minuten gesehen habe, zuletzt im relive der ARD-Sportschau.
Deutschland überzeugte in der Vorrunde gegen Bulgarien (5:2) und Peru (3:1), der Auftakt gegen Marokko (2:1) war harte Arbeit. Im Viertelfinale gab es das erwähnte 3:2 gegen England. Spätestens danach zählte das Team von Helmut Schön zu den Favoriten. 
Italien hatte das erste Spiel 1:0 gegen Schweden gewonnen und danach zweimal torlos gegen Uruguay und Israel gespielt. Gewohnt minimalistisch, doch beim 4:1 gegen Gastgeber Mexiko im Viertelfinale zeigte die Squadra Azzurra Offensivpotenzial.
Kurzfristig wurde das Halbfinale ins Aztekenstadion verlegt, die mexikanischen Zuschauer feuerten das deutsche Team an. Es regnete in Strömen, vorher waren allerdings Temperaturen von 50 Grad Celsius auf dem Rasen gemessen worden. Die Bildqualität war nach heutigen Maßstäben grauenhaft.

Die hohe Kunst der Manndeckung

Bereits nach 8 Minuten führte Italien dank Roberto Boninsegna. Die deutsche Mannschaft zeigte sich kurz geschockt, fand dann aber in ihr Spiel. Es war die große Zeit der Manndeckung: Roberto Rosato markierte den deutschen Torjäger Gerd Müller hautnah, auf der anderen Seite beschatteten Berti Vogts und Willi Schulz Luigi Riva und Boninsegna.  
Beide Teams erarbeiteten sich Chancen, Italien packte früh die Trickkiste aus: Spielverzögerungen, Diskussionen mit dem Schiedsrichter. Der Unparteiische hieß Arturo Yamasaki, kam aus Mexiko und spielte eine unglückliche Rolle: In drei strittigen Situationen pfiff er keinen Elfmeter für Deutschland. „Na gut, es soll nicht sein“, meinte ARD-Kommentator Ernst Huberty fast schon fatal.
Aber auch der so besonnene Reporter verzweifelte irgendwann: Die deutsche Nationalelf wurde immer spielbestimmender, erarbeitete sich Chancen im Minutentakt. Wolfgang Overath, Franz Beckenbauer und Uwe Seeler trieben unermüdlich das deutsche Spiel an, Gerd Müller war eine ständige Bedrohung für das Tor von Albertosi. Doch der Ausgleich wollte nicht fallen.
Italien setzte auf schauspielerische Einlagen, oft lag einen von ihnen am Boden – wie vom Blitz getroffen. Dann kam ausgerechnet Karl-Heinz Schnellinger, der beim AC Mailand sein Geld verdiente und in der Nachspielzeit den Ball zum 1:1 ins Netz drückte.  
Deutschland ging gehandicapt in die Verlängerung, weil Franz Beckenbauer nach einem Foul von Pierluigi Cera mit dem Arm in einer Schlinge spielte. Ein Spielerwechsel war nicht mehr möglich. Die Nachspielzeit entwickelte sich zu einem irren Schlagabtausch mit ständigen Wendungen. 

Zwei Müller-Tore reichten nicht

Auf einen konnte sich der deutsche Fußball in diesen Zeiten immer verlassen: Torjäger Gerd Müller. Der stämmige Stürmer des FC Bayern München stand jahrelang für Torinstinkt. Typisch sein 2:1, als er die italienischen Fehler quasi roch und den Ball zum 2:1 ins Netz stolperte.
Aber auch das Schön-Team patzte im Glutofen Aztekenstadion und nach 104 Minuten führte Italien wieder dank Burgnich und Riva 3:2. Deutschland antwortete noch einmal: Uwe Seeler gewann das Kopfduell, Gerd Müller vollendete zum Ausgleich. Quasi im Gegenzug aber traf Gianni Rivera zum 4:3-Endstand. Von „physischen Wunderknaben und einer nie dagewesenen Dramatik“, sprach Ernst Huberty.
„Der Beifall prasselte auf 22 Spieler nieder wie ein Regenguss. Wir dürfen unserer Mannschaft gratulieren, denn sie hat nicht verloren, auch wenn es das Ergebnis so will,“ schrieb Bild. „Welch ein Triumph. Nach einer Zwei-Stunden-Schlacht gegen die Deutschen, die als unschlagbar galten, ist Italien im Finale. Wir brachten die Deutschen zum Leiden, mehr als das die Briten getan haben,“ meinte La Stampa aus Italien. So ein Spiel, „das kriegt man nie mehr aus dem Kopf", sagte Gerd Müller später einmal der Süddeutschen Zeitung.  Ich könnte heute noch wahnsinnig werden. Von der Schlappe gegen die Italiener erhole ich mich nie."
Italien unterlag im Finale Brasilien mit 1:4 und war in der zweiten Halbzeit platt. Kein Wunder nach dem Drama zuvor. Das deutsche Team gewann mit deutlich veränderter Aufstellung das Spiel um Platz 3 gegen Uruguay mit 1:0. Und Spieler wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Wolfgang Overath oder Jürgen Grabowski triumphierten auch später im schwarz-weißen Trikot.

Daten und Fakten




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der FC Bayern regiert den Fußball in Pandemie-Zeiten

Die wundersame Auferstehung des FC Liverpool in Istanbul

Nach diesem Pokal-Krimi kannte jeder Olaf Thon